Nur ein Kind & trotzdem ein Au-pair?
Katja über Vorurteile, Mental Load und den Mut, Unterstützung anzunehmen
„Warum braucht sie bei nur einem Kind ein Au-pair? So anstrengend kann das doch nicht sein.“
Sätze wie diesen hat Katja mehr als einmal gehört. Doch die Anzahl der Kinder sagt wenig darüber aus, wie stark eine Mutter im Alltag belastet ist.
Im Interview mit dem Auost Magazin spricht Katja offen über unsichtbare Verantwortung, ihr schlechtes Gewissen und darüber, warum Hilfe anzunehmen kein Zeichen von Schwäche ist sondern eine bewusste Entscheidung für ein gesünderes Familienleben.
Auost Magazin: Katja, warum habt ihr euch für ein Au-pair entschieden?
Katja: Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nur noch funktioniert habe. Ich habe ein Kind, ich arbeite und kümmere mich gleichzeitig um den Haushalt, Termine, Einkäufe, die Kinderbetreuung und alles andere, was im Familienalltag anfällt.
Auf dem Papier klingt „ein Kind“ vielleicht überschaubar. Aber Familienleben lässt sich nicht auf eine Zahl reduzieren. Entscheidend ist, was rund um dieses Kind alles organisiert werden muss und wie viel Verantwortung eine einzelne Person trägt.
Auost Magazin: Hast du für diese Entscheidung auch kritische Kommentare bekommen?
Katja: Ja. Am häufigsten habe ich gehört: „Du hast doch nur ein Kind. Wozu brauchst du ein Au-pair?“
Manche Menschen gehen sofort davon aus, dass eine Mutter überfordert, faul oder schlecht organisiert sein muss, wenn sie Hilfe annimmt. Aber kaum jemand fragt, wie ihr Alltag tatsächlich aussieht oder wie viel sie bereits jeden Tag leistet.
Auost Magazin: Was sehen Außenstehende häufig nicht?
Katja: Die ganze unsichtbare Arbeit.
Wer merkt, dass neue Schuhe gebraucht werden? Wer vereinbart Arzttermine, denkt an Geburtstagsgeschenke, organisiert die Betreuung in den Ferien, plant die Mahlzeiten und erinnert sich daran, was am nächsten Morgen mit in die Kita muss?
Jede einzelne Aufgabe wirkt vielleicht klein. Aber zusammen laufen sie ständig im Kopf weiter. Genau das ist Mental Load. Und der verschwindet nicht automatisch, nur weil man „nur“ ein Kind hat.
Auost Magazin: Hattest du anfangs ein schlechtes Gewissen, Unterstützung anzunehmen?
Katja: Ja, sehr. Lange dachte ich, ich müsste alles allein schaffen. Andere Mütter schienen schließlich auch zurechtzukommen. Also war ich überzeugt, dass ich das ebenfalls können müsste.
Irgendwann habe ich verstanden, dass ich bei anderen Familien nur die Oberfläche sehe. Ich weiß nicht, wie viel Unterstützung sie von Großeltern, Freunden, ihren Partnern oder durch flexible Arbeitszeiten bekommen.
Jede Familie hat ihr eigenes Unterstützungsnetzwerk. Zu unserem gehört ein Au-pair – und daran ist nichts falsch.
Auost Magazin: Wie hat sich euer Familienleben verändert, seit euer Au-pair bei euch ist?
Katja: Unser Alltag ist deutlich ruhiger geworden.
Ein Au-pair zu haben bedeutet nicht, dass ich mein Kind abgebe oder als Mutter ersetzt werde. Unser Au-pair unterstützt uns in bestimmten Situationen und schenkt unserer Familie mehr Freiraum.
Ich kann meine Arbeit beenden, ohne mich ständig gehetzt zu fühlen. Ich habe wieder kleine Momente für mich. Und wenn ich Zeit mit meinem Kind verbringe, bin ich entspannter und auch gedanklich wirklich präsent.
Von der Unterstützung profitiert nicht nur eine einzelne Person, sondern unsere ganze Familie.
Auost Magazin: Welche Beziehung hat dein Kind zu eurem Au-pair?
Katja: Eine ganz besondere. Mein Kind hat eine weitere vertraute Person gewonnen, mit der es spielen, lachen und Neues entdecken kann.
Gleichzeitig lernt es auf eine natürliche und persönliche Weise eine andere Sprache und Kultur kennen. Diese Verbindung ist für beide Seiten bereichernd – und für uns als Eltern wunderschön mitzuerleben.
Auost Magazin: Was würdest du einer Mutter sagen, die über ein Au-pair nachdenkt, aber Angst vor den Reaktionen anderer hat?
Katja: Du musst niemandem beweisen, dass du beschäftigt, erschöpft oder hilfsbedürftig genug bist, um Unterstützung annehmen zu dürfen.
Es spielt keine Rolle, ob du ein Kind oder vier Kinder hast, ob du außer Haus arbeitest, im Homeoffice bist oder zu Hause bleibst. Jede Familie lebt unter anderen Bedingungen und hat andere Bedürfnisse.
Unterstützung zu suchen bedeutet nicht, dass du versagt hast. Es bedeutet, dass du Verantwortung übernimmst – für dein eigenes Wohlbefinden und für das Familienleben, das du dir wünschst.
Auost Magazin: Und was möchtest du den Menschen sagen, die fragen: „Warum braucht sie bei nur einem Kind ein Au-pair?“
Katja: Statt zu fragen, warum eine Mutter Hilfe braucht, sollten wir uns lieber fragen, warum wir noch immer erwarten, dass Mütter alles allein schaffen.
Katjas Fazit
„Ein Au-pair ist kein Beweis dafür, dass ich mein Leben nicht im Griff habe. Es ist eine bewusste Entscheidung – für mehr Ruhe, echte gemeinsame Zeit und ein Familienleben, das sich für uns alle besser anfühlt.“
Die Anzahl der Kinder verrät nicht, wie viel Verantwortung eine Mutter trägt. Und kein Elternteil sollte erst völlig erschöpft sein müssen, bevor Unterstützung als berechtigt gilt.
Was denkt ihr: Sollte sich eine Mutter jemals dafür rechtfertigen müssen, Hilfe anzunehmen?