Es war ein regnerischer Dienstagabend, weit nach 22 Uhr, als an der Haustür das leise Geräusch eines sich drehenden Schlosses zu hören war. Maya – ein Au-pair, das seit sechs Wochen in München lebte – betrat den Flur gemeinsam mit einer Freundin, die sie in ihrem Sprachkurs kennengelernt hatte. Sie sprachen mit gedämpfter Stimme, um die schlafenden Kinder im Obergeschoss nicht zu wecken, und gingen direkt in Mayas Zimmer.
Am nächsten Morgen herrschte in der Küche eine angespannte Stimmung. Beim Frühstück sprach die Gastmutter die Ereignisse der vergangenen Nacht an: „Uns ist aufgefallen, dass gestern Abend jemand mit dir nach Hause gekommen ist. Wir fühlen uns nicht wohl dabei, Fremde im Haus zu haben, besonders wenn sie über Nacht bleiben.“ Maya errötete; sie empfand eine Mischung aus Verlegenheit und Verärgerung. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt und lebte in einem fremden Land – hatte sie nicht ein Recht auf ein Privatleben? Doch als sie die Gastmutter ansah, erkannte sie deren aufrichtige Sorge um die Sicherheit der Kinder.
Das Leben in einer Gastfamilie lässt die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit oft verschwimmen. Der Umgang mit persönlichen Beziehungen – insbesondere romantischen – gehört zu den größten Herausforderungen für Au-pairs. Unweigerlich tauchen Fragen auf: Darf die Gastfamilie vorschreiben, wann ein Partner zu Besuch kommen darf? Kann sie Übernachtungsgäste untersagen? Inwieweit darf sie sich in mein Privatleben einmischen?
Für ein harmonisches Zusammenleben ist es entscheidend, ein Gleichgewicht zu finden: Man muss die Sicherheitsbedenken der Familie respektieren und gleichzeitig das eigene Recht auf ein unabhängiges Leben als erwachsener Mensch wahren.
Sicherheit und Unabhängigkeit: Die Grenzen verstehen
Es ist absolut verständlich, dass eine Gastfamilie die Sicherheit ihres Zuhauses gewährleisten möchte. Gasteltern tragen die Verantwortung für die Sicherheit des Hauses und der Kinder. Daher ist es unrealistisch zu erwarten, dass sie gelassen bleiben, wenn sie spät in der Nacht einen Fremden durch den Flur gehen sehen. Aus diesem Grund haben Gastfamilien das Recht, angemessene Regeln für Besucher aufzustellen, wie zum Beispiel:
Festzulegen, wie oft Besucher unter der Woche vorbeikommen dürfen.
Zu entscheiden, ob Übernachtungen gestattet sind (und wie viel Vorlaufzeit dafür erforderlich ist).
Zu bestimmen, dass außerhalb der Arbeitszeiten keine erwachsenen Gäste im Haus empfangen werden dürfen, sofern keine gegenseitige Absprache getroffen wurde.
Der Befugnis der Gastfamilie sind jedoch Grenzen gesetzt. Gastfamilien haben zwar das Recht, Regeln für den Zugang zu ihrem Haus aufzustellen, sind jedoch nicht befugt, Ihnen vorzuschreiben, wen Sie daten oder wie Sie Ihre Freizeit außerhalb des Hauses verbringen. Jeder Versuch, Ihre Liebesbeziehungen zu kontrollieren oder Ihre persönliche Freiheit außerhalb des Hauses einzuschränken, überschreitet die Grenze von einfachen „Hausregeln“ hin zu kontrollierendem Verhalten.
Eine angemessene Vorstellung: Vertrauen durch Offenheit aufbauen
Anstatt Ihren Partner wie ein Geheimnis oder einen unerwünschten Gast zu behandeln, fördert eine frühzeitige, angemessene Vorstellung ein harmonischeres Zusammenleben. Wenn Sie sich regelmäßig mit jemandem treffen, schlagen Sie doch ein zwangloses Treffen vor – vielleicht auf einen schnellen Kaffee oder als Gast bei einem Mittagessen am Wochenende. Ein Treffen in entspannter Atmosphäre ermöglicht es den Gasteltern, dem Namen ein Gesicht zuzuordnen und die Dynamik zwischen Ihnen zu beobachten, was zur Beruhigung beiträgt.
Für die Gastfamilie wird aus einem „Fremden“ ein „bekanntes Gesicht“; für Sie und Ihren Partner entsteht eine freundliche Atmosphäre, in der Ihre Beziehung anerkannt und nicht versteckt wird.
Harmonie durch offene Kommunikation wahren
Missverständnisse in Bezug auf Partner entstehen oft durch mangelnde Kommunikation – etwa wenn Probleme erst bei einem unangenehmen Gespräch an einem Dienstagabend auftauchen und unterschiedliche Erwartungen offenbaren. Um dies zu vermeiden, ist ein offenes Gespräch über Grenzen unerlässlich:
Fragen Sie die Gastfamilie nach ihren Regeln für Besucher, bevor der Aufenthalt endgültig vereinbart wird oder Sie anreisen.
Wenn Sie bereits dort wohnen und Ihr Partner zu Besuch kommen möchte, informieren Sie die Gasteltern im Voraus, anstatt sie in letzter Minute zu überraschen.
Sprechen Sie die Besucherregeln bei regelmäßigen Gesprächen über das Zusammenleben erneut an, insbesondere wenn sich Ihr Beziehungsstatus ändert oder die Häufigkeit der Besuche Ihres Partners zunimmt.
Ein gelungener Au-pair-Aufenthalt basiert auf gegenseitigem Respekt. Wenn die Gastfamilie Ihre Unabhängigkeit als erwachsene Person respektiert und Sie deren Bedürfnis nach einem sicheren und geschützten Zuhause achten, kann die Gestaltung Ihres Privatlebens zu einem entspannten und stressfreien Teil des gemeinsamen Alltags werden.