Manchmal wirkt etwas zunächst wie eine Kleinigkeit.
Ein Kind kommt ständig in dein Zimmer. Jemand betritt das Badezimmer, ohne anzuklopfen. Deine Arbeitszeiten ändern sich immer wieder. Du sprichst an, dass dir eine Situation unangenehm ist, doch es ändert sich nichts Wesentliches. Du sagst dir, dass du Geduld haben musst. Vielleicht gehört das einfach zur Eingewöhnung in die neue Familie dazu. Vielleicht brauchen die Kinder Zeit, um sich an dich zu gewöhnen. Vielleicht bist du auch zu empfindlich. Doch manchmal ist eine Grenze eben eine Grenze.
Ein aktueller Beitrag eines Au-pairs, das seine Gastfamilie vorzeitig verlassen hat – nachdem es wiederholt Probleme mit der Privatsphäre und der Wahrung körperlicher Grenzen erlebt hatte –, wirft eine wichtige Frage auf: Was sollte geschehen, wenn sich ein Au-pair im Haus nicht mehr wohl oder sicher fühlt?
Das Leben in einer Gastfamilie bedeutet nicht, auf die eigene Privatsphäre zu verzichten
Als Au-pair wird man Teil eines Haushalts. Man teilt sich Mahlzeiten, Tagesabläufe, Gespräche und den Familienalltag. Doch die Integration in die Familie bedeutet nicht, dass der persönliche Rückzugsbereich wegfällt. Ein Au-pair sollte einen Ort haben, an dem es die Tür schließen und entspannen kann. Es sollte das Badezimmer ungestört nutzen können und genau wissen, wann Arbeitszeit und wann Freizeit ist. In dem Beitrag schilderte das Au-pair, dass es kaum Privatsphäre gab – das Schlafzimmer diente gleichzeitig als Homeoffice, und die Türen ließen sich nicht richtig abschließen. Bei der Vermittlung mögen solche Dinge wie unbedeutende praktische Details klingen. Doch sobald man tatsächlich dort wohnt, können sie einen enormen Unterschied machen.
Auch Kinder brauchen Grenzen, und die Eltern sind hier gefordert
Kinder haben nicht immer ein perfektes Verständnis für persönliche Grenzen. Sie sind vielleicht neugierig auf eine neue Person. Es kann vorkommen, dass sie dem Au-pair im Haus auf Schritt und Tritt folgen, Zimmer ohne Anklopfen betreten oder nicht verstehen, wann jemand Privatsphäre braucht. Das bedeutet nicht automatisch, dass sich das Kind schlecht benimmt. Doch wenn ein Au-pair deutlich „Bitte hör auf“ sagt, müssen die Erwachsenen im Haushalt dies ernst nehmen. In dem hier geschilderten Fall sprach das Au-pair seine Bedenken bei den Gasteltern an, die daraufhin zunächst mit dem Kind redeten. Das Verhalten hielt jedoch an, und das Au-pair hatte schließlich das Gefühl, dass die Situation nicht mehr konsequent genug gehandhabt wurde.
Die Verantwortung, immer wieder dieselbe Grenze zu verteidigen, sollte nicht allein beim Au-pair liegen. Gasteltern können helfen, indem sie ihren Kindern die Erwartungen verdeutlichen: Anklopfen vor dem Eintreten, Respektieren der Privatsphäre und Zuhören, wenn das Au-pair äußert, dass ihm eine Situation unangenehm ist.
Unangenehme Informationen sollten nicht überraschend kommen
Ein weiterer Aspekt des Gesprächs ist wichtig. Das Au-pair berichtete, es habe vor der Vermittlung gezielt gefragt, ob die Kinder besondere Bedürfnisse hätten, und die Auskunft erhalten, dies sei nicht der Fall. Nach der Ankunft bemerkte sie jedoch Verhaltensweisen, die darauf hindeuteten, dass ein Kind möglicherweise zusätzliche Unterstützung benötigte – auch wenn sie selbst keine Diagnose stellte. Dies unterstreicht einen Punkt, der in der aufregenden Phase der Vermittlung manchmal vergessen wird: Ehrliche Kommunikation vorab ist entscheidend.
Familien müssen nicht jedes mögliche Verhalten ihrer Kinder vorhersehen können. Kinder sind Kinder, und Situationen können sich ändern. Doch wenn bekannte Herausforderungen, deutliche Verhaltensauffälligkeiten, besonderer Betreuungsbedarf oder Umstände vorliegen, die die täglichen Aufgaben des Au-pairs beeinflussen könnten, sollten diese offen besprochen werden, bevor das Au-pair eintrifft. Ein Au-pair kann sich nicht auf etwas vorbereiten, von dem es nichts weiß.
Das Gleiche gilt für die Arbeitszeiten
Der Beitrag schilderte auch einen Fall, in dem die Arbeitszeiten des Au-pairs nach und nach deutlich länger und unvorhersehbarer wurden – in einigen Wochen sollen sie sogar mehr als 50 Stunden betragen haben. Auch deshalb sollten die Erwartungen klar besprochen werden, bevor man sich füreinander entscheidet. Wann beginnt das Au-pair? Wann endet der Arbeitstag? Welche Aufgaben bei der Kinderbetreuung gehören dazu? Was passiert, wenn die Eltern länger arbeiten müssen? Wann hat das Au-pair frei?
Solche Fragen sollten nicht erst geklärt werden, wenn die Person bereits ins Ausland und bei Ihnen zu Hause eingezogen ist. Bei einer guten Vermittlung geht es nicht nur darum, ob man sich bei einem Videoanruf sympathisch findet. Es geht auch darum, sicherzustellen, dass beide Seiten verstehen, wie der Alltag tatsächlich aussehen wird.
Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt: Sprechen Sie es frühzeitig an
Für Au-pairs kann es schwierig sein zu entscheiden, ob ein Problem „schwerwiegend genug“ ist, um es anzusprechen. Man muss nicht warten, bis man völlig überfordert ist. Wenn ein Kind wiederholt persönliche Grenzen missachtet, sollten Sie die Gasteltern informieren. Wenn Ihre Privatsphäre nicht respektiert wird, sprechen Sie das Thema an. Wenn Ihr Arbeitstag deutlich länger ausfällt als erwartet, sollten Sie dies zur Sprache bringen. Und wenn Sie sich unsicher oder unwohl fühlen, nehmen Sie dieses Gefühl ernst. Für Gastfamilien ist die Reaktion genauso wichtig wie das eigentliche Problem. Hören Sie zu, ohne sofort in eine Verteidigungshaltung zu gehen. Fragen Sie nach, was passiert ist. Sprechen Sie gegebenenfalls mit den Kindern. Vereinbaren Sie eine praktikable Lösung und überprüfen Sie anschließend, ob sich die Situation tatsächlich bessert. Denn die Aussage „Wir haben mit ihnen gesprochen“ reicht nicht aus, wenn das Problem weiterhin auftritt.
Eine gute Au-pair-Erfahrung erfordert Grenzen auf beiden Seiten
Die besten Beziehungen zwischen Gastfamilie und Au-pair sind nicht jene, die ganz ohne Grenzen auskommen. Es sind vielmehr jene, in denen Grenzen offen besprochen werden können. Das Au-pair hat Zeit für sich. Die Familie hat Zeit für sich. Die Kinder lernen, den persönlichen Bereich des Au-pairs zu respektieren. Das Au-pair versteht die Bedürfnisse der Kinder. Alle wissen, was erwartet wird, und jeder fühlt sich wohl dabei, anzusprechen, wenn etwas nicht funktioniert.
Das Ziel ist nicht, Distanz zu schaffen. Ziel ist es, so viel Respekt und Vertrauen aufzubauen, dass sich alle zu Hause fühlen können. Denn auch wenn ein Au-pair bei Ihrer Familie wohnt, bleibt es ein eigenständiger Mensch mit Anspruch auf Privatsphäre, Wohlbefinden und persönliche Grenzen. Und über solche Dinge sollte niemals erst verhandelt werden müssen, nachdem sie bereits überschritten wurden.